Verabschiedung von Herrn Pfarrer Grauer

Liebe Gemeindeglieder aus Holzgerlingen,

wenn ich auf dem Hausberg meiner neuen Pfarrstelle auf 880 Metern ü.N.N. stehe und ins Land hinausschaue, suchen meine Augen immer auch nach dem Städtchen im Schönbuch, das für 9 Jahre Heimat unserer Familie und Dienstort gewesen ist. Erst ein Sommer, der übrigens entgegen mancher Prognosen auch hier oben sehr warm und sonnig war, trennt uns. Und vieles trage ich in mir aus dieser Zeit. Fast das ganze Jahrzehnt zwischen meinem 40. und 50. Lebensjahr wird mit Holzgerlingen verbunden bleiben. Ich habe mich eingelassen auf die Gemeinde und die Menschen, und das hat, wie nicht anders zu erwarten, auch mich selbst verändert.

Dankbar bin ich dafür, Teil einer großen und sehr engagierten Gemeinde gewesen zu sein. Wie viele bringen sich ein, wie vielfältig ist das Angebot der Gemeinde, wie weit die Reihe der Aufgaben! Und wie viele leben mit Ernst und Freude ihren Glauben, wollen Gottes Wort hören, die Liebe Christi und sein Reich weitertragen in vielfältiger Gestalt! In diesem großen Ganzen war ich ein Teil an meinem Ort. Einer von drei Pfarrern, einer von 16 Kirchengemeinderäten, einer von vielen Angestellten und einer von hunderten Mitarbeitenden: nicht immer spannungsfrei, wie könnte das gehen?, aber es war ein gutes Gefühl, in meinen Grenzen und Stärken Teil dieses Teams zu sein.

Und es kommt eben nicht nur darauf an, was dabei "hinten raus kommt", was an Ergebnissen und Zählbarem dasteht, sondern auch, wie wir miteinander auf dem Weg das Glaubens umgehen. Dankbar bin ich dafür, an- und aufgenommen worden zu sein auf diesem Wegstück. Dankbar auch dafür, viel gelernt zu haben, von Kollegin und Kollegen, von Ehrenamtlichen, von Menschen, denen ich begegnet bin, an der Schule, im städtisch geprägten Dekanat Böblingen, in der Ökumene und im Feld der sozialen Arbeit: Inklusion, Integration, Krisenintervention, Moodles und Doodles, Organigramme, offene Erwachsenenbildungsformate, alternative Gottesdienstformen und Energiemanagement auf höchstem Niveau, das sind nur Stichworte, die mit Holzgerlingen verbunden bleiben.

Gelernt, o ja, auch im Leid, das wir miteinander erlebt und geteilt haben. Dass Gott einem fremd und unzugänglich erscheint, dass man ganz ohne Antwort und nur mit viel Fragen und Schmerz an Gräbern steht, das gehörte auch zu dieser Zeit. Intensiver, als ich es mir vorgestellt hätte. Gott hast du nie in der Tasche. Ihn neu suchen müssen, und immer, immer damit anfangen vor diesem Gekreuzigten. Auch das nehme ich mit. Die Taktung der Ereignisse und Anforderungen ist hoch, "frisch gewagt und rasch getan", als Pfarrer in Holzgerlingen hat man hin und wieder gar keine andere Wahl, ganz unabhängig vom Musikgeschmack...!

Dankbar bin ich für alles Begleiten in Gebet und Gespräch, für die beiden Sekretärinnen und ihre Unterstützung, für das Vertrauen, das man mir entgegengebracht hat und für die Geduld mit mir. Dankbar auch dafür, dass unsere Kinder hier schnell aufgenommen worden sind in der Gemeinde und dass vier von fünf hier ihren schulischen Weg abschließen konnten. Zu siebt sind wir angekommen 2006, nur noch die Jüngste ist mit uns in Willmandingen eingezogen. Also, liebe gestresste Eltern, genießt jeden Tag, den ihr beieinander seid, es kommt von selbst ganz anders – und schneller, als man denkt. Auch einen Schwiegersohn haben wir in Holzgerlingen gefunden, die Hochzeit unserer Tochter im Juli 2014 hier ist ebenfalls ein unvergessliches Ereignis.

Dankbar sind wir auch für alle Grüße, Karten und Geschenke, die uns beim Abschied mitgegeben worden sind. Das hat uns echt berührt. Ich bitte um Verzeihung, wo ich an jemandem schuldig geworden bin, wo ich Wichtiges versäumt habe oder lieblos war. Das kam leider auch vor. Auch bitte ich, die Bibel und die darüber gefalteten Hände in der Mitte der Arbeit zu belassen. Creatura verbi ecclesia, Gemeinde und Kirche sind und bleiben Geschöpf des Wortes Gottes, und eben nicht umgekehrt.

Bitte versteht, wenn wir uns ein wenig rar machen in Holzgerlingen, das hat nichts mit Abneigung zu tun, sondern das gehört sich so im Blick auf die Nachfolge der Pfarrstelle II. Bitte kommt uns mal besuchen, hier oben ist es wirklich schön. Heute morgen (Anfang September) hatten wir auf der Alb noch ganze zwei Grad Celsius. Also bitte die in Aussicht gestellte Holzlieferung nicht vergessen. Danke!

Nach Dank und Bitten nun noch der Wunsch, dass der Bau der Gemeinde Holzgerlingen und des Johannes-Brenz-Gemeindehauses fröhlich und zügig und fest gegründet weitergehen mögen. Ich wünsche euch sehende Herzen und Augen für die, die in Not oder verletzt sind. Nehmt einander an...und nehmt euch umeinander an, wie ihr es bisher auch getan habt. Wir wünschen der Pfarrstelle II bald einen Nachfolger/ -in, mit dem oder der ihr im Glauben, Hoffen und Lieben weiter gehen könnt.

Es grüßt in Dankbarkeit und Verbundenheit

Normann Grauer mit Familie

Am Sonntag, den 28. Juni 2015 wurde Pfarrer Normann Grauer in den Gottesdiensten der Mauritiuskirche und der Johanneskirche verabschiedet. Musikalisch gestalteten der Kirchenchor, der Gospel & More Chor und der Flötenchor die Gottesdienste mit.

Neben zahlreichen Rednern aus der Stadt, den Schulen, dem CVJM und den ökumenischen Partnergemeinden dankten die Vertreter der Ev.Kirchengemeinde Pfarrer Grauer und seiner Familie für alles Wirken im Herrn Jesus und das gute Miteinander in den vergangenen Jahren und wünschten für die Zukunft viel Kraft und Gottes Segen.

Am 1. Oktober 2006 war Pfarrer Grauers Investitur in Holzgerlingen gewesen; damals war er mit einer großen Familie angekommen. Die meisten sind inzwischen flügge; mit verkleinerter Familie zieht Pfarrer Grauer nach Willmandingen-Erpfingen.

Gemeindebrief Erntedank 2015