In Memoriam Pfarrer Dr. Martin Thust

Pfarrer Dr. Martin Thust war von 1947-1960 Pfarrer in Holzgerlingen. Am 13.1.1892 wurde er in Breslau geboren. Er stammte aus einer Fabrikantenfamilie, die ihm drei komplette Studiengänge ermöglichte:

 

  • Mathematik in Göttingen,
  • Philosophie in Freiburg,
  • Theologie in Tübingen und Breslau.

Von 1924-31 schrieb er ein mehr als 600 Seiten umfassendes Buch über Kierkegaard, das 1931 herauskam. In Breslau promovierte er 1930 zum Lic. theol. 1933 habilitierte er sich hier außerdem zum Professor für Systematische Theologie.

Für das Sommersemester 1933 sollte er an seine erste Vorlesung in der Theologischen Fakultät Breslau halten. Jedoch wurde er von den Nazis mit vielen anderen vom Amt des Hochschullehrers suspendiert und strafversetzt. Später übernahm er verschiedene pfarramtliche Dienste. Von 1935-1946 war er Pfarrer der Gemeinde Langenau, Kreis Löwenberg in Schlesien. Von dort wurde er durch die polnische Besatzungsmacht vertrieben und in einem Umsiedler-Lager untergebracht. Dann arbeitete er kurze Zeit als Pfarrer in einem Leipziger Gemeindebezirk. Von hier aus bewarb er sich bei der Ev. Landeskirche in Württemberg. Diese wies ihn auf die Pfarrstelle Holzgerlingen ein.

Nach einer abenteuerlichen Anreise – mit seiner Schwester und ihrem Mann zusammen – kamen die drei im Juni 1947 in Holzgerlingen an. Das Pfarrhaus war jedoch besetzt; sie mussten die erste Zeit in einem Gasthaus unterkommen. Am 1. Juli 1947 trat Pfarrer Dr. Thust die Holzgerlinger Pfarrstelle an. Er blieb hier bis zum Eintritt in den Ruhestand im Sommer 1960. Da der Übergang an seinen Nachfolger nicht nahtlos möglich war, verwaltete er die Pfarrstelle weiter, bis Pfarrer Theodor Kühnle mit seiner Familie eintraf. Im September 1960 zog er nach Nagold, wo er seinen Ruhestand verlebte. Er starb am 11.12.1969.

Pfarrer Thust war ein begnadeter Seelsorger und brillanter Prediger. Für den Umgang mit der Jugend war er nicht so begabt. Wenige wussten um seine umfassende Bildung und seine akademische Lehrbefugnis. Dr. Friso Melzer erwähnt in seinen Lebenserinnerungen, dass Prof. Heim einmal zu ihm gesagt habe, „Thust sei einer der ganz seltenen Männer, die wirklich denken können.“

Für den neuen Pfarrer war kein Platz im Pfarrhaus

Buch über Dr. Martin Thust, Pfarrer in Holzgerlingen von 1947 bis 1960 -
Verbindungsweg ins Neubaugebiet Hülben wird nach ihm benannt

Die Gemeinde kannte eine Aussage von Pfarrer Martin Thust aus dem Gottesdienst: "Der Glaube muss von da" - dabei legte er die Hand auf seinen Kopf, "nach da" - seine Hand wanderte auf die Herzgegend. "Glaube als Herzenssache" ist denn auch der Titel des Buchs über den Pfarrer, der von 1947 bis 1960 in Holzgerlingen wirkte.

Wie der Holzgerlinger und pensionierte kirchliche Jugendreferent Rudi Ernst Hoffarth in dem jetzt herausgegebenen 154 Seiten starken Buch schreibt, hat es Martin Thust zumindest in seinem beruflichen Leben nicht leicht gehabt. Aus begütertem Haus 1892 in Breslau geboren und aufgewachsen, strebte er eine akademische Laufbahn an. Im Lauf seiner Studienjahre absolvierte er drei komplette Studiengänge, endete als Mathematiker mit Studium in Göttingen, studierte Philosophie in Freiburg und schließlich Theologie in Tübingen. In Breslau sollte er an der Universität den Lehrstuhl für Systemische Theologie übernehmen. Doch weil er der Bekennenden Kirche angehörte und nicht den die Nationalsozialisten unterstützenden Deutschen Christen, wurde er strafversetzt. Nach dem Krieg floh er wie unzählige andere Deutsche in den Westen. An eine weitere Karriere an der theologischen Fakultät in Tübingen war nicht zu denken, da er der Herrnhuter Brudergemeinde angehörte, die hier nicht gelitten war. Er bewarb sich als Pfarrer bei der württembergischen Landeskirche und kam nach vielem bürokratischen Hickhack 1947 nach Holzgerlingen.

Für einen Mann, der sich vielleicht schon als Nachfolger seines berühmten Tübinger Professors Karl Heim sah und der ein vielbeachtetes Buch über den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard geschrieben hat, eine berufliche Sackgasse. Gelitten hat er schon in den Jahren zuvor, war wegen Medikamentenabhängigkeit in Behandlung. Und sein Start in Holzgerlingen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs muss erdenklich schwer gewesen sein, wie Rudi Hoffart anhand von Dokumenten aus dieser Zeit recherchiert hat. Als Martin Thust zusammen mit seiner Schwester und ihrem Mann in Holzgerlingen ankam, war das Pfarrhaus noch von Pfarrer i.R. Ulshöfer belegt. Der Vorgänger wollte nicht weichen und Thust musste über lange Zeit Quartier in der Bahnhofsgaststätte nehmen.

Schwer war die seelsorgerische Arbeit, denn wie überall waren viele Familien zerrissen als Folge der nationalsozialistischen Herrschaft mit Denunziationen und Gewalttaten. Vielleicht hat Thusts Weltoffenheit dazu beigetragen, dass die etwa tausend Vertriebenen überwiegend katholischen Glaubens im pietistisch geprägten Holzgerlingen vergleichsweise gut aufgenommen wurden - sie durften die evangelische Mauritiuskirche für ihre Gottesdienste nutzen.

Bürgermeister Wilfried Dölker würdigte Thust bei der Präsentation des Buchs am Montag im Rathaus als Persönlichkeit, die am Ort die Basis für die bis heute gute Zusammenarbeit der Konfessionen geschaffen habe. Und Pfarrer Paul Bräuchle dankte Autor Rudi Hoffarth für seine Arbeit: "Wenn Sie das nicht gemacht hätten, hätte es niemand gemacht." Der 68-Jährige hat Pfarrer Thust mit sechs Jahren im Religionsunterricht erstmals erlebt und wurde später von ihm konfirmiert. Quasi als Wiedergutmachung dafür, dass sowohl die Schüler als auch die Konfirmanden dem pädagogisch unfähigen Pfarrer auf dem Kopf herumgetanzt sind, hat sich Rudi Hoffart vorgenommen, das Wirken Thusts, der 1969 auf dem Bergfriedhof in Tübingen beerdigt wurde, in Buchform festzuhalten - über einen Zeitraum von 25 Jahren hat er sich damit beschäftigt.

Viele empfanden seine Predigten damals als "zu hoch". Mitunter sollen sich seine seine Predigten über die Zuhörer hinweg zu theologischen Abhandlungen ausgeweitet haben. Auf der anderen Seite gelang ihm aber auch, mit der einfachen Geste der Hand auf seinem Herzen verständlich zu vermitteln, worum es ihm ging. Dass er seine Predigten überwiegend auf stundenlangen samstäglichen Spaziergängen jenseits der heutigen Bundesstraße erarbeitete und sie dann am Sonntag auf der Kanzel aus dem Kopf vortrug, daran wird auch künftig erinnert werden. So haben die Ausschüsse des Gemeinderats beschlossen, den Verbindungsweg zwischen der Turmstraße ins Neubaugebiet Hülben als Dr.-Martin-Thust-Weg zu benennen.


Der ehemalige Holzgerlinger Pfarrer Martin Thust in Buchform:

Autor Rudi Hoffarth (Mitte) freut sich mit den Unterstützern Pfarrer Paul Bräuchle (links) und Bürgermeister Wilfried Dölker

Rudi E. Hoffarth: Glaube als Herzenssache, Statt Professor – Pfarrer
Verlag am Birnbach, ISBN 978-3-86508-999-1, Preis 9,80€

Das Buch gab es anfangs im Rathaus, den Pfarrämtern sowie im buchplus

Oben: Aus dem Gemeindebrief Weihnachten 2009.

Unten: Artikel von Hans-Dieter Schuh aus der Kreiszeitung Böblinger Bote vom 9.12.2009, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Kreiszeitung - KRZ-Foto: Thomas Bischof