Die Geschichte des evangelische Kindergartens

1910 erbaut als Gemeindehaus mit Kindergarten

Der Kirchengemeinderat beschloss am 28. Dezember (!) 1908 den Bau eines Gemeindehauses. Pfarrer Dinkelacker hat beschrieben, welche Aufgaben ein solches Haus haben wird:

Eine Stätte edler, dem Wohl der Gemeinde dienender Zwecke. Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was lieblich, was wohllautet, soll hier ein Heim finden. Selbstlose Bestrebungen, welche dem leiblichen Wohl der Gemeindeglieder gewidmet sind, sollen im Gemeindehaus gepflegt werden. Vor allem wird die Kleinkinderschule endlich ein geeignetes Heim finden.

Das "Schüle" war seit 1875 im Rathaus untergebracht und befand sich direkt neben der Arrestzelle.

Bereits ein halbes Jahr nach dem Beschluss wurde der Bau begonnen. Pfarrer Dinkelacker:

Unter strömendem Regen haben wir am 12.Juni 1909 abends um 6 Uhr eine seltene Feier gehalten: Die Grundsteinlegung des Gemeindehauses, verbunden mit einer Urkundenniederlegung .... Der Posaunenchor des Jünglingsvereins (CVJ M) eröffnete die Feier mit dem Lied: 11 Dem dunklen Schoss der heilgen Erde vertrauen wir der Hände Tat. ", worauf der Ortsgeistliche (Pfarrer Dinkelacker) ein Gebet sprach ... Nach dem Gemeindegesang: “Nun danket alle Gott...” verlas Schultheiß (Bürgermeister) Robert Mosthaf mit weithin vernehmlicher Stimme die Urkunde, welche eine kurze Darstellung von Anlass, Entwicklung und Ziel der Gemeindehaussache zum Inhalt hatte. Mit drei Hammerschlägen auf den Grundstein sprach er:

  •     "Mein erster Schlag gilt den Kindern, welche in diesem Haus die schönste Zeit ihres Lebens zubringen dürfen.
  •     Mein zweiter Schlag gilt den Männern, welche in diesen Räumen zum Wohl ihrer Mitbürger und der Nachwelt beraten (gemeint ist der Kirchengemeinderat, damals noch ohne Frauen)
  •     Mein dritter Schlag gilt der ganzen Gemeinde, welcher dieses Haus ein Hort des Friedens und des Segens sein soll."

Einweihung

Am 20. Februar 1910 fand die festliche Einweihung des neu erbauten Gemeindehauses statt. Die Baukosten betrugen 20.000 Reichsmark. Weiter der Chronist:

Am Samstag, 26. Februar 1910, folgte der Schluss der Feierlichkeiten, die Übersiedelung der Kinderschule ins neu erbaute Gemeindehaus. Noch einmal hatte sich das kleine Völklein in seinem engen alten Raum im Rathaus versammelt und nahm mit einem Verslein Abschied. Dann zogen sie “om Seil”, voraus die Buben, aus. Auf der Straße hatten sich schnell viele Zuschauer eingefunden. Das neue Lokal füllte sich mit kleinen und mit großen Leuten, und die Kinder fanden sich schnell zurecht in den neuen Bänkchen, die ihnen die Güte der Gemeinde und der Kirchenpflege verschafft hat. Nach dem Eingangsliedchen" Weil ichJesu Schäflein bin" und dem Gebet richtete der Geistliche (Pfarrer Dinkelacker) einige Worte an die Kinder, worauf diese ein hübsches Begrüßungsverslein vortrugen. Darauf erzählte ihnen das" Bäsle" eine kleine Geschichte von dem Schäflein, das verloren gegangen und das der treue Hirte wieder suchte, und die Kinder schlossen mit dem Liedlein "Gott ist die Liebe ". Nun bekamen die Kinder Brezeln, die auch sofort verzehrt wurden und auf diese eindrucksvolle Weise schloss die kleine Feier und mit ihr die ganze Festwoche, eine Woche, wie sie Holzgerlingen wohl kaum je erlebt hat.

140 Kinder wurden im Jahre 1913 im Schüle "gehütet". Für heutige Verhältnisse völlig unvorstellbar. Seit 1902 wurde die Kinderschar von Erzieherinnen der Großheppacher Schwesternschaft betreut. Das blieb so bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. In der Pädagogik gab es in diesen vielen Jahrzehnten einen großen Wandel. Im Jahr 2010 liegt die Gruppengröße bei höchstens 28 Kindern mit zwei vollzeitbeschäftigten Erzieherinnen. Wir sorgen gemäß unseres kirchlichen Auftrages für eine am Evangelium ausgerichtete Pädagogik. Die Evangelische Kirchengemeinde versteht die Trägerschaft des Kindergartens in der Friedhofstraße als Reichtum und als einen wesentlichen Auftrag und Anteil im Leben der Kirche in der Stadt.

Als Kind in den 1930ern

Das Haus in der Friedhofstraße war nicht nur Schüle, sondern das Gemeindehaus für viele Veranstaltungen: Der Kirchenchor und Posaunenchor probten dort, die Bibelstunde fand hier statt und der Strickverein bzw. der Missionskreis traf sich dort mittwochs. Ein Bub fragte mal seine Ahne: "Ahne, gesch du en d' Mittwochsparty?" Konfirmandenunterricht und Jünglingsverein waren dort beheimatet. Oben im ersten Stock war das "Säle" für den Mädchenkreis und zeitweise auch Schulklassen. Jemand erzählte mal sie seien mit Immergrünbüchle wie die "Häsläus" aufeinander gehockt zum lesen. Im ersten Stock wohnten auch die Schwester Anna und die Krankenschwester Emma; sie war in Person die heutige Diakonie- und Sozialstation. Der alljährliche Bazar fand auch im Schüle statt.

Der Schülesalltag begann am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr. Die Kinder kamen zu Fuß zum Schüle. Im Winter kam man oft mit eiskalten Händen an. Im Eingang war eine raue Tapete wie Sackleinen. Daran rieben wir uns die Hände bis sie wieder warm waren. Gleich rechts an der Wand hing ein Spruch als Brandmalerei: “Lass sorgenlos die Kinder spielen eh sie den Ernst des Lebens fühlen.” Zwei Öfen heizten die Räume. Der Kirchenchor ging zum Holz machen.

Was haben wir gespielt: Ich erinnere mich an Bauklötze, die Puppenecke, in die man am Geburtstag die Freundinnen einladen durfte, und wir bekamen natürlich viele biblische Geschichten erzählt mit großen Bildtafeln, auf denen der Heiland war und das Heilige Land. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass es dieses Land wirklich gab.

Als meine Schwester und ich im Kindergarten Puppen geschenkt bekamen, war ich sehr enttäuscht, dass meine Puppe einen Porzellankopf hatte und keine Haare wie die meiner Schwester. Um uns Kinder zur Ruhe zu bringen, mussten wir die Hände und das Köpfle auf die Bank legen. Da war die Schwester ganz streng. Einmal bin ich eingeschlafen. Als ich aufwachte war ich ganz alleine. Zuerst bin ich erschrocken, aber dann lief ich schnell zum Fenster und guckte hinaus in den Garten. Dort waren die anderen alle schon zum Spielen. Ich ging schnell hinterher. Die Schwester Anna sagte nur, sie habe mich nicht wecken wollen.

Im Freien gab es einen Sandkasten, der mit einem Häuschen überdacht war. So blieb der Sand trocken und sauber.

Das Vesper brachte man im Täschle mit. Zu trinken gab es im Schüle nichts. Oft waren wir recht durstig. Eine Nachbarin vom Schüle gab uns oft aus dem Schäpfle etwas Wasser zu trinken, oder wir gingen am Rathausbrunnen vorbei und tranken aus der Röhre des Brunnens.

Um 11 Uhr sangen wir vor dem Heimgehen einen Vers: "Elf hat es geschlagen, die Schule ist aus, nun gehen wir fröhlich und stille nach Haus. Zuhause da wartet die Mutter auf mich, und war ich gehorsam, so freuet sie sich".

Kam eine Mutter zu spät, blieb das Kind solange bei Schwester Anna. Die war da ganz unkompliziert

Etwas Besonderes war der Ausflug vor der Einschulung. Wir liefen am Seile nach Hildrizhausen zum dortigen Schüle. Am Ziel gab es was zu essen und zu trinken und ein Bildle. Das klebte man in das Büchle ein, in dem vielerlei Bastel- und Handarbeiten eingeklebt waren. Handarbeiten machen war überhaupt sehr wichtig. Auch die Buben mussten das machen. Einer sagte als man ihn dazu aufforderte: "I werd koe Schneider, i werd Schreiner." Das Büchle hab ich heut noch.

Als Mutter in den 1950ern

Meine Kinder gingen zur Schwester Margret ins Schüle. Die war besonders mütterlich, halt die gute Seele. Sie sagte viel Eindrückliches: z.B. dass die Kinder, die in einem total aufgeräumten Haushalt aufwachsen müssten, ihr leid täten. Das sei nicht normal. In einem Haushalt mit Kindern darf auch mal was rumliegen bleiben. Auch sollen wir Mütter uns nicht so viel an Arbeit vornehmen, wenn von vornherein klar sei, dass man es nicht schaffen würde. Lieber weniger sich vornehmen und dann sich freuen wenn man doch mehr hinkriegt.

Kinder, die noch nicht im Schüle waren, durften trotzdem kommen, wenn die Mutter z.B. Waschtag hatte.

Im Winter konnte es auch mal nach der Schneeballschlacht heißen: "Heit hend mir dr Schwester Margret d'Huat ragschossa." Die andere Schülestante war die Tante Maria. Die war auch lieb. An die hielten sich die Kinder als Schwester Hedwig in 's Schüle kam. Bei der stand man des Öfteren in der Ecke.

Als Kind in den 1950ern

Vor 50 Jahren besuchte ich das "Schüle" im Gemeindehaus in der Friedhofstraße. Wir waren eine quicklebendige Kinderschar, über 100 an der Zahl. Kein Wunder, dass Schwester Dora ein strenges Regiment führen musste.

Mit Grausen denke ich an die regelmäßigen Spaziergänge am Seil zurück. Da gab's mehr Fersengeld als Spass. Wollte man schaukeln oder Karussell fahren, musste man Ewigkeiten anstehen. Die drei Puppenwagen teilten sich 50 kleine Mädchen! Es galt immer und überall, sich in Geduld zu üben und anderen auch etwas zu gönnen.

Was mir bis heute eindrücklich und unvergesslich geblieben ist: Das Erzählen der biblischen Geschichten. Wir gingen dazu in den vorderen Raum mit Blick auf den Friedhof, saßen in einem großen Kreis. Ich lernte eine ganz andere Schwester Dora kennen. Sie erzählte meisterhaft. Mir ging regelrecht das Herz auf beim Singen, Beten und Zuhören. Ich empfinde bis heute beim Zurückdenken Gefühle von großer Geborgenheit und Frieden.

Ich wünsche dem Kindergarten in der Friedhofstraße, dass er gerne evangelisch ist und der Wirkung der erzählten biblischen Geschichte auch heute noch viel zutraut.

Kindergarten und Gemeinde 2010

Wie geht's weiter? Miteinander unterwegs - wer ist "miteinander"? Es ist die Familie. Dort entsteht Vertrauen ins Leben. Mutter- und Vaterliebe sind elementar. Sie sind Voraussetzung dafür, dass ein Kindergarten pädagogisch ergiebig arbeiten kann.

Orientierung und Bildung können nicht nur durch gesellschaftliche Institutionen vermittelt werden. Dafür sind Familie, Freunde und die Vielfalt der Lebenswelt gleich wichtig. Wir nennen das Erziehungspartnerschaft.

Entscheidend für unseren Kindergarten ist das evangelische Profil. Wir wollen das christliche Menschenbild, wonach das Kind ein angenommenes, von Gott gewolltes und geliebtes Wesen ist, vermitteln. Deshalb bringen wir biblische Inhalte und die Bedeutung der Feste des Kirchenjahres den Kindern nahe und feiern es mit ihnen. Wir helfen ihnen, schon früh religiöse Erfahrungen zu machen und so die Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern. Gebet, und schon in diesem Alter wichtige Seelsorge haben tiefen Wert. Wir wollen für die Seelen unserer Kleinen sorgen.

Unser Evangelischer Kindergarten in der Friedhofstraße hat Zukunft. Kinder brauchen diesen Ort. Wir werden weiterhin erziehende, betreuende und Orientierung gebende Menschen haben, die qualifiziert darin arbeiten. Unser kirchlicher Auftrag ist es, die Kinder mit Liebe und Verantwortung zu führen und zu leiten.

Der Kindergarten ist gut für die Gemeinde. Denn Kinder sind nicht einfach unsere Zukunft, sie sind unsere Gegenwart. Die Gemeinde braucht Kinder, ebenso wie sie alt gewordene Menschen braucht für ein würdevolles Miteinander. Das verstehe ich unter dem Leitwort: Miteinander unterwegs.

Aus der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum 2010