Flüchtlingsarbeit in unserer Gemeinde

Ein Interview mit Thomas Maurer

Redaktion: Thomas, Du bist der Ansprechpartner in unserer Gemeinde, wenn es um Flüchtlingsarbeit geht. Wie kam es dazu?

Thomas Maurer: Es ist mir eine Herzensangelegenheit, den Flüchtlingen, die hier zu uns nach Holzgerlingen kommen eine Hilfe zu sein. Daraus entstand dann die Idee, eine Anlaufstelle einzurichten, die zwischen unserer Gemeinde und den Flüchtlingen vermittelt. Vom Kirchengemeinderat eingesetzt, fungiere ich nun als Ansprechpartner für Flüchtlingsarbeit.

Die Flüchtlingsarbeit an sich ist ja zunächst einmal in der Hand der Stadtverwaltung. Arbeitest Du mit der Stadt zusammen?

Es gibt den Arbeitskreis Flüchtlinge der Stadt Holzgerlingen, innerhalb dessen ich die Aktivitäten einer Arbeitsgruppe koordiniere. Zugleich bin ich aber auch Vertreter von evangelischer Kirchengemeinde und CVJM.

Du sprichst davon, ein Ansprechpartner zu sein und von deinem Aufgabenbereich im städtischen Arbeitskreis für Flüchtlinge. Für wen genau bist Du ein Ansprechpartner? Was sind deine Aufgaben?

In meiner Arbeit gibt es zwei Schwerpunkte. Zum einen bin ich ein Ansprechpartner für die Flüchtlinge. Zum anderen bin ich auch der Ansprechpartner für Menschen aus Holzgerlingen und unserer Kirchengemeinde, die gerne mitarbeiten oder Flüchtlingen durch Sachspenden ganz praktisch helfen möchten. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für alle Spenden!

Und was ist der zweite Schwerpunkt deiner Arbeit?

Der zweite Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Unterstützung der Flüchtlinge bei Behördengängen und die Vermittlung von Patenschaften, Praktika und Jobs.

Was wäre meine Aufgabe als Pate eines Flüchtlings?

Zunächst geht es um eine praktische Begleitung der Menschen im Alltag, so dass sie lernen, sich in Holzgerlingen zu orientieren. Dazu gehört, dass man ihnen zeigt, wo man bei uns gut einkaufen kann, den einen oder anderen Behördengang mit ihnen macht oder auch ganz einfach den jungen Familien zeigt, wo der nächste Spielplatz ist. Ganz automatisch kommt es dann dazu, dass die Flüchtlinge ihr Deutsch anwenden, das sie im Sprachkurs gelernt haben. Sie lernen den für sie teilweise noch sehr fremden deutschen Alltag kennen und haben jemanden, dem sie Fragen stellen können, wenn etwas unklar ist.

Es ist uns wichtig, dass es immer mehr Patenschaften gibt. Herzliches Angebot an dieser Stelle, sich hier einzubringen, wenn ich Neugier und Interesse geweckt habe.

Worin liegen denn die Chancen und Möglichkeiten einer solchen Patenschaft?

Wir haben in Holzgerlingen hauptsächlich muslimische Flüchtlinge. Daraus ergibt sich die einmalige Gelegenheit, diesen Menschen als bekennende Christen zu begegnen. Dies geschieht im ersten Schritt durch praktische Hilfe dort, wo Not besteht, aber auch durch Gespräche und Verhaltensweisen, die uns erfahrbar machen als Menschen, die vom Evangelium geprägt sind. Sehr viele von den Flüchtlingen kommen aus lebensgefährlichen Umständen zu uns. Es sollte daher aus menschlichen und christlichen Beweggründen selbstverständlich sein, ihnen beizustehen.

Dazu gehört auch die Beziehungsarbeit als Pate. Basis einer guten Patenschaft ist das persönliche Gespräch. Viele Flüchtlinge haben großes Interesse, zu erfahren, wie wir leben und was wir glauben. Ernsthafte und authentische Religiösität wird von den Mohammedanern sehr geschätzt. Ein Christ, der zu seinem Glauben keine Stellung bezieht, ist für einen Mohammedaner dagegen eher befremdlich. Mit Christen, die ihren Glauben an Jesus erklären, wird gerne über den Glauben geredet. Dabei können wir die Religionsfreiheit in unserem Land nutzen, ohne die Flüchtlinge dabei zu bedrängen. Moslems haben hier die Möglichkeit, Christ zu werden, ohne mit Verfolgung rechnen zu müssen wie in vielen ihrer Heimatländer.

Wo siehst Du die größte Herausforderung in der Arbeit mit den Mohammedanern?

Ich sehe zwei Herausforderungen. Zum einen muss ich mich entscheiden, ob ich, anstatt, wie die Pegida, Fronten aufzubauen, persönliche Begegnungen als Chance sehe, um den Flüchtlingen als Christ zu begegnen. Der Islam baut durchaus strategisch in Ländern Einflussgebiete und Macht aus. Darauf wird zurecht hingewiesen. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass Jesus für jeden einzelnen Menschen, egal ob Moslem oder Europäer, gestorben ist. Ich teile mit vielen die Meinung, dass es eine Führung Gottes ist, dass gerade so viele Flüchtlinge und eben auch eine große Anzahl Moslems in unser Land kommen. Die Herausforderung dabei ist es, die Menschen vor Ort mit den Flüchtlingen in Kontakt bringen und Hilfsbereitschaft zu fördern. Es liegt mir sehr am Herzen, eine positive Grundstimmung zu fördern und Vorurteile auf beiden Seiten erst gar nicht entstehen zu lassen.

Ich sehe es gleichzeitig als Herausforderung und Chance, diesen Menschen von Jesu Liebe zu erzählen. Wenn Offenheit da ist, können wir die Möglichkeit nutzen und auch zu unseren Veranstaltungen und Gottesdiensten einladen. In den persönlichen Begegnungen können wir Jesus vorleben und auch zu einer Beziehung mit Jesus einladen. Ich bin überzeugt, dass Gott jedes Herz berühren kann. Ich möchte authentisch und persönlich Zeugnis geben von meinem Glauben, mit dem Wissen, dass Gott wirken kann durch mein Wort. Vielen Dank dabei für jedes Gebet, das die Begegnungen mit den Flüchtlingen begleitet.

Was ist deine weitere Herausforderung?

Persönlicher Kontakt bedeutet immer auch, dass es Menschen gibt, die einem nicht so sympathisch sind. Wer die Erfahrung gemacht hat, Flüchtlinge zu treffen und auf sie zuzugehen, merkt, dass es Menschen sind wie wir auch. Wir in der Flüchtlingsarbeit versuchen, uns nichts vormachen. Genauso wie es Flüchtlinge gibt, mit denen wir nicht klar kommen, so kommen wir auch nicht mit allen unseren Landsleuten klar. Mir ist es wichtig, offen auf all diese Menschen zuzugehen und bewusst Gutes über sie zu reden. Kommt es dabei zu Problemen, sollten diese offen angesprochen werden. Nur so können die Mohammedaner lernen, was bei uns in Deutschland kulturell ggf. anders ist und wo sie ihre Verhaltensweisen im Sinne eines guten Miteinanders anpassen können.

Außerhalb von Sachspenden und Patenschaften, wie sieht sonst die Flüchtlingsarbeit in unserer Gemeinde aus?

Ein tolles Ereignis war für uns das Pfarrgartenfest am 13. Sep 2015. Ein Essensteam aus Flüchtlingen hat, angeleitet von Leila Sebei, einer engagierten Frau mit tunesischen Wurzeln, den Besuchern ein schmackhaftes vegetarisches Essen gekocht. Aber auch als einfache Gäste hatten die Flüchtlinge am Pfarrgartenfest die Möglichkeit, unsere Gemeinde kennenzulernen. Das erfordert Offenheit von beiden Seiten. Umso schöner ist es deshalb, dass manche Gemeindemitglieder und Flüchtlinge sich bereits kennen. Ein anderes Angebot ist das Café Culture, das monatlich samstags um 14:30 im Jugendhaus W3 stattfindet.

Es ist ein unverbindlicher, lebendiger und offener Begegnungsort, an dem sich Flüchtlinge und Einheimische begegnen und Zeit gemeinsam verbringen. Im Gemeindeblatt gibt es hierfür immer eine Einladung.

Vielen Dank, Thomas, für deine Zeit und das Interview!

Das Interview führte Marina Schmid. Aus dem Gemeindebrief Erntedank 2015