Mauritiuskirche

Taufstein mit Kreuz

...das hätte ich gerne: Dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schaun die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.“ Psalm 27, 4

Die Mauritiuskirche bildet einen architektonisch, kunsthistorisch und heimatgeschichtlich interessanten Raum, der sehr alt ist und besondere Kunstwerke in sich birgt. Dennoch ist die Kirche kein Museum, sondern ein Ort des lebendigen Glaubens, der heute so aktuell ist wie damals, als die Mauritiuskirche gebaut wurde. Das Wort Kirche kommt vom spätgriechischen Wort kyriakon = dem Herrn gehörend. Hier versammelt sich die christliche Gemeinde seit Jahrhunderten ununterbrochen in dieser Welt und doch wissend, dass sie diesem HERRN, Jesus Christus, angehört. Die Kirche selbst und die Kunstwerke in ihr sind deshalb nicht Dekoration, sondern Zeugnis von Gottes Gnade und seiner Bedeutung für uns. Auch die Mauritiuskirche wird, wie die meisten Kirchen, vom Kreuz dominiert. Es erinnert uns daran, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden ist. Die Kirche ist vor allem der Ort des Gottesdienstes, der gleichsam der „Herzschlag“ der Gemeinde ist. Im Gottesdienst dient uns Gott, indem er uns in seinem Wort und Sakrament begegnet und sich uns schenkt. Wir dienen Gott durch unser Hören, Singen, Beten und der Umsetzung des Gehörten im Alltag. Der christliche Gottesdienst ist öffentlich, alle Menschen sind dazu eingeladen. Daher läuten die Glocken zu jedem Gottesdienst. Im Raum der Kirche kann uns Gott in besonderer Weise begegnen, uns zur Stille und Ruhe bringen. Ebenso kann er uns helfen, das Unsichtbare und Ewige zu finden.

Die Kirche ist zudem der Ort für persönliche Ereignisse. Man trifft sich dort zu freudigen Anlässen wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Jahrgangsfeiern, aber auch zu Trauergottesdiensten. In Holzgerlingen finden letztere heute allerdings in der Kapelle des Parkfriedhofs statt, weil der Friedhof weit von der Mauritiuskirche entfernt liegt. Für viele Menschen ist deshalb die Kirche ein Ort, der sehr eng mit der eigenen Biografie verbunden und eine Art Heimat geworden ist.

Sie sind herzlich eingeladen, die Mauritiuskirche als Raum der Gegenwart Gottes zu erleben und Jesus Christus selbst zu begegnen in unseren Gottesdiensten, aber auch sonst.

Ihr Pfarrer Traugott Meßner

Entstehung

Links: Darstellung des Heiligen Mauritius, Patron der Kirche, auf einem Schlussstein im Chorraum, um 1480

Darunter: Älteste überlieferte Darstellung der Mauritiuskirche, 1681 (Kiesersche Forstkarte)

Mauritius, Mechthild, Mittelalter

Der Legende zufolge war Mauritius um 300 n. Chr. Heeresführer einer römischen Legion und wurde hingerichtet, weil er sich weigerte, gegen Christen in den Kampf zu ziehen. Er wurde im ausgehenden ersten Jahrtausend sehr verehrt. Wahrscheinlich hatte Holzgerlingen bei seiner ersten Erwähnung 1007 eine Kirche, über sie ist jedoch nichts überliefert. Erzherzogin Mechthild von der Pfalz, die Mutter des Grafen Eberhard im Bart, ermöglichte den für eine Dorfkirche außergewöhnlich großen und kunstvollen Bau im 15. Jahrhundert. Holzgerlingen lag in ihrem Witwengut Böblingen, wo sie sich bis zu ihrem Tod 1482 regelmäßig aufhielt. Der Baumeister ist unbekannt, der Stil deutet aber darauf hin, dass er sehr von Aberlin Jörg (1420 - ca.1492) aus Stuttgart beeinflusst wurde, der den spätgotischen Kirchenbau in Württemberg stark prägte. 1535 wurde die  Mauritiuskirche evangelisch, im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu Aus- und Umbauten.

Turm

Turm von außen

Unteres Turmgeschoss

Links: Außenansicht des Kirchturms von Süden. Heutige Form seit Wiederaufbau des Dachstuhls, 1769 nach Brandschaden

Rechts: Blick ins unterste Turmgeschoss. Das Fenster durchbricht 2m starke Mauern, die sich nach oben auf 1 m verjüngen


Ältester Teil der Kirche
Der auf Fels gegründete Turm mit seinen mächtigen Mauern steht auf einer Grundfläche von 8 x 8 m und ist heute etwa 43m hoch. Er ist der älteste erhaltene Teil der Kirche. Steinmetzzeichen und stilistische Merkmale erlauben eine Einordnung der Bauzeit um 1440. Typisch für den spätgotischen Stil des Spätmittelalters sind beispielsweise die Form der Fenster und Kaffgesimse sowie die Technik der Ausführung von Mauerwerk und Kreuzrippengewölbe. Immer wieder kam es zu Schäden durch Sturm und v.a. Blitzschlag. Am 20. Juni 1672 zerstörte Blitzschlag das Dach. Noch verheerender war ein Brand am 1. September 1768, bei dem der Dachstuhl und das oberste Geschoss völlig zerstört wurden und sogar die Glocken schmolzen. Seit 1880 konnte ein Blitzableiter weitere Schäden verhindern. Im Jahr 1989 wurde die Kirche außen renoviert und im Sinne des Denkmalschutzes an die Farbgebung aus dem 17. Jahrhundert angepasst.

Langhaus

Innen von Empore

Rechts: Blick von der Empore in Langhaus und Chor

Platz für 500 Kirchenbesucher

Das Langhaus besteht aus einem einschiffigen Saal, der etwa 9,15 m x 20,80 m misst. Es verfügt über spitzbögige Fenster und Portale. Das Fälldatum der Eichen des Dachwerks konnte dendrochronologisch auf Winter 1472 | 1473 bestimmt werden. Später wurde Platz für mehr Gläubige geschaffen und eine hölzerne Empore eingebaut (an einer Stütze ist die Jahreszahl 1677 erhalten) und durch eine Außentreppe erschlossen.

1926 erfolgte eine große Innenrenovierung. Eine Loge für die Pfarrersfamilie  unterhalb der Kanzel und die Herrschaftsloge für die Schlossherren auf der Empore wurden entfernt. Die Orgel wurde von einer Holzkonstruktion im Chor auf die Empore an der Turmseite verlegt, damit mehr Licht in den Chor kam. Dadurch litt aber die Akustik. Bei einer weiteren Innenrenovierung 1962 wurde die Orgel daher an ihren heutigen zentralen Platz auf der seitlichen Empore verlegt. 1963 erhielt die Kirche eine Elektroheizung.

Chor und Sakristei

Links:  Netzgewölbe im Chor mit kunstvoll verzierten Schlusssteinen

Gotisches Meisterwerk

Der etwa 6 m x 9,50 m große polygonale Chorraum mit Fünfachtelschluss und die Sakristei haben ein kunstvolles Netzgewölbe, das in Holzgerlingen wohl nur aufgrund
des großen Vermögens von Mechthild finanzierbar war. Die Schlusssteine zeigen Jesus Christus, Maria mit dem Christuskind, den heiligen Mauritius, das von einem Engel getragene Wappen von Erzherzogin Mechthild, ein unbekanntes verblichenes Wappen und eine Rosette. Alle abgebildeten Gesichter auf den Schlusssteinen blicken zum Altar. Die Dachsparren von Chor und Sakristei wurden im Winter 1478-1479 gefällt. Das Gewölbe entstand nach dem Dachwerk, der gesamte Bau wurde wohl vor Mechthilds Tod 1482 abgeschlossen. Bei der großen Innenrenovierung 1926 wurde ein hölzernes Renaissance-Chorgestühl entfernt. In der Sakristei sind noch das originale Sakrarium (Ausgussbecken mit Öffnung nach draußen) sowie Beschläge an der Tür aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten.

Links: Außenansicht aus Ostnordöstlicher Richtung

Glocken

Die vier Glocken läuten seit 1950. Sie wurden von der Gießerei Barchert in Heilbronn gegossen.
Die beiden größten der ehemals drei Glocken wurden im zweiten Weltkrieg für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen und nur noch die kleinste, in „c“ gestimmte und 1919 gegossene Glocke blieb erhalten. Diese passte aber nicht mehr in das neue Geläut mit vier Glocken ( gestimmt nach „es“, „f“, „g“ und „b “ ) und wurde daher 1950 für 1223 DM an die Kirchengemeinde Affstätt verkauft.

Uhrwerk

Das heutige halbelektronische Uhrwerk wurde im Jahr 1963 eingebaut und ersetzte ein mechanisches Uhrwerk.

Das alte mechanische Uhrwerk aus dem Jahr 1922 wurde restauriert und ist seit 2011 im Holzgerlinger Heimatmuseum ausgestellt. Das neue Uhrwerk hat ebenso wie das alte vier Gewichte aus Metall; je eines zum Antrieb des Uhrwerks, für die Stunden- und Minutenschläge sowie für den Stundennachschlag. Im Turm werden auch noch ältere Gewichte aus Stein aufbewahrt.

Beinerhäusle

Das von einem Ulrich Binder gestiftete Beinerhäusle wurde nach seinem Tod 1481 an die Kirche angebaut.

In Holzgerlingen lag früher der Friedhof, wie in den meisten Gemeinden, direkt bei der Kirche. Das Beinerhäusle diente zur Aufbewahrung von Knochen aus alten Gräbern. Das Fachwerkobergeschoss ist jünger. 1997 wurde das Beinerhäusle renoviert und ein Übertragungsraum für Eltern mit Kleinkindern im Obergeschoss sowie sanitäre Anlagen im Erdgeschoss eingerichtet.

Kanzel

Die hölzerne Stütze der Kanzel zeigt die Jahreszahl 1600. Um diese Zeit wurde die erste Kanzel eingebaut.

Im Jahr 1534 begann Herzog Ulrich, die Reformation im Württemberg einzuführen. Dadurch wurde die Mauritiuskirche 1535 evangelisch. Aufgrund der großen Bedeutung des Wortes wurde zur besseren Verkündigung, wie in den meisten evangelischen Kirchen, eine Kanzel eingebaut. 1926 wurde der Kanzelkorb erneuert und der Schalldeckel ent fernt.

Tafelbilder

Zwischen 1714 und 1727 wurden die beiden hölzernen Emporenbrüstungen mit biblischen Motiven bemalt.

Die Bilder sind typische barocke Volkskunst aus dieser Zeit. Sie zeigen Szenen aus der Bibel von Adam und Eva bis zu Christi Auferstehung. Die seitliche Empore trägt  alttestamentarische Motive. Die Motive der hinteren Empore entstammen dem Neuen Testament. Seit der Renovierung 1926 stimmen die Namen der Stifter der Tafelbilder nicht mehr mit den Bildern überein.

Ikonen

Im Jahr 1998 erstellte die Holzgerlinger Designerin Petra Täuber - Rall dieses Ensemble aus fünf Ikonentafeln.

Diese sind das jüngste Kunstwerk in der Mauritiuskirche. Sie sind als Acryl-, Kreide und Wachszeichnungen auf Holz ausgeführt und interpretieren die altchristlichen Ikonen neu. Als gemeinsames Element zeigen sie jeweils Kreuz, Maria, Josef und das Christuskind in stilisierter Form. Jede Tafel drückt ihre eigene Botschaft aus. Entsprechend wurden Darstellungsform, Duktus und Farbigkeit gewählt.

Glasfenster

Motive aus dem linken Fenster: Geburt, Taufe

Die Fenster im Chorraum wurden 1938 vom Kunstmaler Walter Kohler aus Degerloch angefertigt.

Die zwei Motive im linken Fenster stellen die frühen Stationen in Jesu Leben dar: Geburt und Taufe. Das mittlere Fenster erzählt die Passionsgeschichte. Das rechte Fenster zeigt die Osterbotschaft der Auferstehung und Christi Himmelfahrt. Im zweiten Weltkrieg waren die Fenster aus der Kirche ausgelagert, um sie vor
Schäden durch Bomben zu schützen.

Portrait Martin Luther

Friedrich Schlotterbeck aus Böblingen malte dieses Bild 1817, 300 Jahre nach Beginn der Reformation.

Er wurde von seinem berühmten Vater Christian Jakob Schlotterbeck ausgebildet. Dieser hatte u.a. mit Friedrich Schiller die Hohe Karlsschule besucht (eine Militärakademie mit universellem Lehranspruch) und blieb dort bis zur Schließung 1792 als Portraitmaler und Hofkupferstecher angestellt. Danach kehrte er mit seiner Familie in seine Geburtsstadt Böblingen zurück.

Nach dem Leporello der ev. Kirche Holzgerlingen von 2015.

Bildnachweis:
Zeichnung von Holzgerlingen 1681: Ortsansichten im Forstlagerbuch des herzoglichen Kartographen Andreas Kieser. Digitalisat von Archivgut des Landesarchivs BW.
Inventar des Bestands H 107 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (H 107| 3 Bd 10 Bl. 4). www.landesarchiv-bw.de