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Die Gemeinde als Leib Christi

Predigt von Frau Pfarrerin Reiser-Krukenberg in Holzgerlingen am 12. Oktober 2008, dem 21. Sonntag nach Trinitatis; Predigttext: 1. Kor 12,12-27
Herzlichen Dank für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Liebe Gemeinde,
was es für Auswirkungen haben kann, wenn ein System an einer Stelle krankt, zeigt uns die gegenwärtige Finanzkrise ja sehr deutlich. Misstände in einem Land, Fehlentscheidungen weniger, erreichen in kurzer Zeit weltweite Bedeutung. Alles ist miteinander verflochten.

Der Apostel Paulus wählt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth das Bild eines anderen Organismus, eines, das uns noch näher liegt und von dem wir alle etwas verstehen: Das Bild unseres Körpers. Aber da ist es ähnlich.

- Lesung Predigttext 1. Korinther 12,12-27 -

Ein harmonisches Bild bot sie nicht gerade, die kleine christliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth. Eine bunte Mischung kam da zusammen, Juden- und Griechen, Sklavinnen und Freie, wohlhabende Kaufleute und arme Hafenarbeiter. Sie alle sollten eine Gemeinde sein. In der ersten Euphorie klappte das auch ganz gut, aber schon nach kurzer Zeit wurden die Unterschiede immer deutlicher. Und schließlich ist die Gemeinde heillos zerstritten. Gruppen und Grüppchen stehen sich gegenüber, gegenseitiges Abwerten und Verächtlichmachen sind an der Tagesordnung. Die einen sprechen den anderen den Glauben ab. Man zieht sich gegenseitig den Boden unter den Füßen weg. Nichts gilt mehr von dem, was als Grund gelegt war. Als Paulus von den Zuständen in Korinth hört ist er zutiefst erschrocken und sieht sich gezwungen etwas zu tun und so schreibt er diesen eindringlichen Brief.

Paulus benutzt ein Bild um der zerstrittenen Gemeinde klar zu machen, wie unsinnig ihr Verhalten ist. Schaut euch doch an, sagt er: Ihr seid ein Leib. An euch sind viele Glieder, Arme und Beine, Hände und Füße, Augen, Mund und Ohren und viele Glieder, die man nicht sieht. „Ihr seid der Leib Christi. Jeder von euch ist ein Glied“. Jede und jeder von uns ist ein Teil dieses Leibes. Manche sind Mund, sie können gut reden, andere überzeugen und vom Glauben begeistern. Sie sprechen aus, was gesagt werden muß, oder können in heiklen Situationen die rechten Worte finden. Oder sie nützen ihren Mund zum Singen, zum Lob Gottes und zur Freude der Menschen. Manche sind Ohr, haben ein offenes Ohr für die Nöte und hören auch die leisen Zwischentöne. Manche sind Nase, riechen, wo etwas faul ist. Manche sind Hand oder sogar zwei Hände, packen an, wo etwas zu tun ist, helfen bei Reparaturen im Kindergarten, basteln für den Bazar, backen Kuchen fürs Pfarrgartenfest, sammeln Mostobst oder helfen beim Großputz in der Kirche. Manche sind Schultern, tragen auch die Lasten anderer mit, in der Pflege zu Hause in den Familien, in Heimen oder Diakonischen Bezirksstellen, sie ermutigen und begleiten dort Menschen in Not. Diese Arbeit unterstützen wir heute mit unserem Opfer. Manche sind Füße, gehen hin zu den Menschen, machen Besuche bei Neuzugezogenen, Singen bei Kranken, tragen Gemeindebriefe in die Häuser. Manche sind Arm, können andere stützen und Geborgenheit vermitteln, Traurige trösten. Und manche sind Kopf, haben Überblick, geben die Richtung an, sitzen oben und leiten, übernehmen Ämter und Verantwortung.

Und da sind wir schon beim Problem: Einige Körperteile werden mehr geachtet, einige Glieder in der Kirche werden höher eingeschätzt als andere. Schnell schreiben sich da oben und unten fest. Der Kopf heimst alle Ehre ein, während diejenigen, die putzen und Kaffee kochen nicht im Rampenlicht stehen. Oder auch umgekehrt: die die immer da sind, wo was zu tun ist, die immer mitanpacken, die halten sich für wichtiger als die, die nur denken und schwätzen. Ganz zu schweigen von denen, die offensichtlich gar nichts tun, sondern die sich bloß zu Weihnachten einmal in der Kirche blicken lassen oder die nur in unserer schönen Kirche heiraten wollen! Die einen kommen sich besser und wichtiger vor als die anderen. Das war nicht nur damals in Korinth so.

Dagegen aber wendet Paulus ein: Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche dich nicht. Alle , wirklich alle Glieder brauchen einander, schwache und starke, unansehnliche und ansehnliche. Und alle, gerade weil sie so verschieden sind, werden gebraucht für das große, lebendige Zusammenspiel.: Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Geradezu absurd die Vorstellung, dass ein Körper nur ein einziges Riesenauge wäre oder ein überdimensionaler Kopf, der nur denken kann, aber nicht die geringste Kleinigkeit tun. Genauso absurd, sagt Paulus, aber ist der Gedanke wir bräuchten einige Glieder in der Gemeinde nicht oder jedenfalls weniger als die anderen.

Wir brauchen alle, die die heute hier sind und die, die wir nur selten sehen. Um die fünfeinhalbtausend Gemeindeglieder haben wir, und alle gehören sie dazu, alle sind sie wichtig, jede und jeder einzelne macht die Gemeinde erst ganz.

In einem lebendigen Organismus ist alles miteinander verbunden. Schon die Erfahrung und der gesunde Menschenverstand sagen uns: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Wir kennen das: ein winziges Staubkorn im Auge zwingt uns anzuhalten und es zu entfernen. Schon ein einziger entzündeter Zahn kann uns so quälen, das wir zu nichts anderem mehr fähig sind. Ja, so ein Eiterherd kann sogar an ganz anderen Stellen im Körper Schaden anrichten und Ursache für alle möglichen Krankheiten sein. Wenn an einer Stelle etwas faul ist, sind alle in Mitleidenschaft gezogen.

Niemand kann sagen, die anderen interessieren mich nicht. Hauptsache ich mach‘s recht und mir geht’s gut. Christsein kann niemand ganz für sich alleine. Auch nicht in einer kleine Gruppe Gleichgesinnter, als einzelner Hauskreis, nicht einmal als einzelne Gemeinde Holzgerlingen. Wir sind immer ein Teil des ganzen Leibes Christi.

Paulus will uns mit diesem einleuchtenden Bild deutlich machen: sowenig wir auf ein Körperteil und seine Funktion verzichten können, so wenig können wir auch nur auf ein einziges Gemeindeglied verzichten, sei es noch so jung oder alt, noch so selten hier zu sehen oder noch so unbequem mit seiner Kritik. Wir brauchen diejenigen, die mahnen und sich einsetzen für Gerechtigkeit in unsere Gesellschaft genauso wie die treuen Beter, die Jugendlichen, die ins s’Red kommen, genauso wie die engagierten Christen im Hauskreis. Wir brauchen den durch manch bittere Lebenserfahrung gegenüber Gott und dem Glauben  skeptisch gewordenen Konfirmandenvater ebenso wie die begeisternd vom Glauben erzählende Kinderkirchmitarbeiterin. Die einen festigen die Kirche, die anderen halten sie wach. Keiner kann zum anderen sagen: „ Ich brauche dich nicht.“

Aber es geht noch um mehr, als nur um gegenseitige, Akzeptanz oder Toleranz. Na gut, der oder die gehört halt auch irgendwie dazu... Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder, wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Wir sollen uns nicht nur gegenseitig womöglich zähneknirschend ertragen, sondern übereinander von Herzen freuen. Auch über die, die ihren Glauben anders, womöglich sogar sehr anders als wir leben. Das ist kein Schaden für unsere Kirche und unsere Gemeinde sondern ein großer Reichtum. Wir gehören alle zusammen, keiner und keine ist mehr oder weniger wert für die Gemeinde, wir sind zwar alle verschieden, aber gerade so ergänzen wir uns gegenseitig.

Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder, wenn eine Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit- ja so wünschen wir uns Gemeinde und so stellen wir uns einen einladende Gemeinde vor. Wirklich schön und einleuchtend, wie der Paulus das da beschreibt. Ein wunderschönes und ideales Bild. Aber eben ein Bild, ein Wunschbild, eine Vision von Kirche - sicher, es gibt da und dort gute Ansätze, aber in der Realität sind wir doch ganz schön weit davon entfernt. Ja, wenn wir ehrlich sind, sind wir diesem Wunschbild von Kirche nicht so viel näher als die ersten Christen damals in Korinth.

Paulus will uns hier aber nicht ermahnen, indem er uns so ein unerreichbares Bild, von einem gut funktionierenden Organismus vor Augen malt. Sein Bild ist nicht einfach als Anklage gemeint nach dem Motto: schaut her, so kann und so soll es sein und wie ist es bei euch?

Das Bild vom Leib Christi ist für Paulus mehr als nur ein Bild. Es ist Realität. Paulus sagt nicht: „Ihr sollt Leib Christi sein.“ Er sagt nicht, „wenn ihr euch anstrengt und bessert im Umgang miteinander, wenn ihr es endlich schafft, alle zu integrieren, dann werdet ihr Leib Christi sein“. Nein, Paulus sagt: Ihr seid es. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied. Wir sind es tatsächlich.

  • So unvollkommen wir auch sind;
  • so wenig ideal unser Umgang miteinander oft auch ist;
  • so oft wir unter Spannungen und Unterschieden in der Kirche leiden.

Aber wir sind Leib Christi. Wir sind es. Nicht weil wir selbst das sein wollen und uns dazu machen, sondern weil Christus uns dazu gemacht hat. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft. Das ist es. Daran ist nicht zu rütteln. Mit der Taufe gehören wir alle zum Leib Christi, zu seiner Gemeinde. Alle ohne Ausnahme. Und im Abendmahl stärkt er uns alle durch seinen Geist. Ihr seid der Leib Christi, sagt Paulus, denn Christus lebt in euch und ihr in ihm.

Das ist der Grund unserer Hoffnung. Und alles, was wir brauchen, um in dieser Welt Leib Christi zu sein, wird uns geschenkt werden. Darum, genau darum lohnt es sich, ganz Ohr und ganz Auge zu sein, damit wir wissen, was es im Geist Jesu für die Gemeinde zu sagen und zu tun gibt, damit alles am Ende wirklich Hand und Fuß hat. Amen