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Israel und ChristusWürttembergische Lektorenpredigt von Pfarrer Dr. Michael
Volkmann, Denkendorf, zum Israel-Sonntag am 15. August 2004,
bearbeitet von Eberhard Lange. Predigttext: Römer 11, 25-32 Der Israelsonntag im Wandel
Der Israelsonntag hat in den vergangenen Jahrzehnten einen
Bedeutungswandel erfahren. War er früher Gedenktag der
Tempelzerstörung, so ist er heute ein Tag, an dem die
Verbundenheit von Christen und Juden bedacht wird. Diese
Veränderung wollen wir uns zunächst bewusst machen: Vor 40 Jahren nahm die katholische Kirche auf dem II. Vatikanischen Konzil den Entwurf der Erklärung ›Nostra Aetate‹ an. ›Nostra Aetate‹ hat die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefes zur Grundlage. Dies war das erste Mal, dass eine christliche Kirche die umfassende Bedeutung dieses Bibeltextes anerkannt hat. In ihm wird das Verhältnis von Christen und Juden so tief und umfassend bestimmt, wie in keinem anderen Bibeltext. ›Nostra Aetate‹ ist der Wendepunkt in der zweitausendjährigen Geschichte der Christen mit den Juden. Wie ist dieser Umschwung zum Guten zu erklären?Zwischen den beiden Daten liegen zwei gewaltige Erschütterungen für die ganze Welt, besonders aber für die Menschen, die aus dem Glauben der Bibel leben.
Seither haben immer mehr Christen erkannt, dass es ein verhängnisvoller Irrweg ist, wenn die Christen die Juden hassen. Die Christen müssen lernen, die Bibel, vor allem das Alte Testament, und die Beziehung zu Juden ganz neu zu erschließen. Sie machen dabei die Entdeckung, dass bereits Paulus die Christen vor diesem Irrweg, die Juden zu hassen, gewarnt hat. Deshalb geht es in unserem Predigttext
›Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen‹, beginnt der Apostel wie ein Prophet. Mit ›Brüder‹ meint er die Christen in Rom. Sie stehen für alle Christen, die aus den Völkern der Welt zur Kirche hinzu gekommen sind, so wie wir selbst. Mit der Ankündigung, ein Geheimnis zu offenbaren, macht er uns neugierig. Es scheint, dass nach zweitausend Jahren nur noch wenige Christen dieses Geheimnis kennen. Drei wichtige Dinge sagt Paulus in unserem Abschnitt:
1. Gott ist treuDas erste ist: Gott ist treu. Er hält Treue in Ewigkeit. Seine ›Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen‹. Diese Aussage ist für uns heute besonders wichtig. Gott ist der Kirche und den Christen treu auch nach ihrem Versagen in der Zeit der Judenvernichtung – ein überwältigendes Versprechen, unerklärlich nach dem Maßstab der Gerechtigkeit, verständlich nur aus Gottes großer Barmherzigkeit! Paulus aber hat Gottes Treue zu seinem erwählten Volk Israel im Blick. In den ersten Kapiteln des Römerbriefes verkämpft sich der Apostel für eine Öffnung der Kirche auf alle hin, die an Jesus Christus glauben, ob sie nun zum erwählten Gottesvolk Israel gehören oder zu den Völkern der Welt. Damit provoziert er die Frage: Was ist dann mit den Juden, die nicht an Christus glauben? Sind sie von Gott verworfen? – Das sei ferne! antwortet Paulus. »Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.« Gleich im 9. Kapitel zählt er die Gaben auf, die Gott Israel verliehen hat: den Ehrennamen Israel = „Gottesstreiter,“ die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bundesschlüsse, die Gesetzgebung, den Gottesdienst, die Verheißungen, die Erzväter und die leibliche Abstammung Christi. Dies alles gehört Israel. Schon dieser Einstieg in die drei Israelkapitel des Römerbriefes macht uns nachdenklich. Uns sind ja diese Dinge auch unverzichtbar wichtig. Hier erfahren wir: sie gehören den Juden, nicht uns. Dass wir Anteil an ihnen haben, verdanken wir Jesus Christus. Petrus hat zu den Juden über Jesus Christus gesagt (Apg 4,12): „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.“ In der Aufzählung des Paulus fehlt der Glaube an Christus. Ihn lehnt das Volk Israel ab. Der Apostel sagt, dass ihn das unendlich schmerzt. Doch er kann es nicht ändern. Die, denen das Evangelium zuerst gilt, lehnen es ab. Macht dies aber nicht die christliche Verkündigung, macht es nicht Gott selbst unglaubwürdig? Nein, sagt Paulus, Gott bleibt seinen Bundesschlüssen und Verheißungen treu. Gott ist der Kirche treu. Und er bleibt Israel treu. Er weiß den Weg zum Heil für jeden von beiden. 2. Ganz Israel wird gerettet werdenSo kommt Paulus zu seinem zweiten wichtigen Anliegen: »Ganz Israel wird gerettet werden.« Nicht nur der kleine Teil, der sich zum Glauben an Jesus Christus bekehrt hat und zur Kirche aus Juden und Heiden hinzu gestoßen ist, sondern auch der weitaus größere Teil, der dem Mosebund treu bleibt und das Evangelium ablehnt. Hier spricht Paulus die Sprache der jüdischen Rabbinen. Denn auch im Talmud heißt es: Ganz Israel hat Anteil an der kommenden Welt. Hier wird der Apostel wirklich »den Juden ein Jude«, wie er den Korinthern geschrieben hat. Aber nicht nur das ›Dass‹ der Errettung ganz Israels, sondern auch das ›Wie‹ beschreibt er mit jüdischen Worten: ›Wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.‹ Paulus zitiert dies aus den Propheten Jesaja und Jeremia. Doch Jesaja kündet nicht vom Erlöser aus Zion, sondern vom Erlöser für Zion. Paulus wechselt die Perspektive. Für ihn ist Zion die Mitte zur Erlösung der ganzen Welt und die Rettung Israels das Ziel des göttlichen Erbarmens. 3. Gott will sich aller erbarmenDamit kommt die dritte wichtige Sache in den Blick: ›Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.‹ Gott gibt niemanden verloren. Schon gar nicht Israel, das er sich zuerst erwählt hat. Der Schöpfer des Alls, dem die Erde gehört mit allem, was in ihr ist, will auch der Erlöser aller sein. Dies ist das Ziel des ganzen verwickelten Geschehens. Versuchen wir uns klar zu machen, wie eng nach Paulus unser christlicher Weg mit dem jüdischen verschlungen ist. Zuerst nennt uns Paulus den Grund, warum Israel das Evangelium nicht annehmen kann: ›Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist.‹ Paulus sagt mit diesen Worten: die Juden entscheiden nicht selbst, Gott hat für sie entschieden, er hat sie verstockt, sie können die Predigt des Evangeliums gar nicht annehmen. Für Juden ist eine solche Deutung eine Zumutung. Der Pharao zur Zeit des Mose war verstockt – aber Israel selbst?! Hier ist Paulus nicht mehr ›den Juden ein Jude‹. Doch was er sagt, entlastet Israel: es hat eine Rolle in einem göttlichen Plan zu übernehmen. Und: die Verstockung ist befristet, ›bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist‹ und bis aus Zion der Erlöser kommt, – also bis zum Ende dieser Weltzeit. Was bedeutet dies? Gott legt eine neue Reihenfolge fest. Die Juden, denen das Evangelium zuerst galt, werden nun, da sie es nicht angenommen haben, zurückgestellt und die Völker werden vorgezogen, bis ihre Vollzahl ›eingekehrt‹ ist. Die jüdische Ablehnung der christlichen Botschaft hat also heilsame Folgen für die ganze Völkerwelt. Sie hat einen tiefen Sinn, den Paulus als göttliches Geheimnis offenbart und den die, die sich selbst für klug halten, nicht erkennen können. Paulus beschreibt das Verhältnis der Juden zu Gott so: ›Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.‹ Die feindliche Beziehung ist beschränkt auf das Evangelium, sie gilt nicht einmal den Christen persönlich, sondern besteht ›um euretwillen‹, als der Christenheit aus den Völkern zum Guten. Überboten wird sie aber von Gottes Liebe zu Israel, seinem erwählten Volk, die ungebrochen ist um der Erzväter willen. Dies ist für uns Christen eine besonders wichtige Aussage: Das Volk Israel war, ist und bleibt von Gott geliebt, so wie es ist und wie es sein und bleiben möchte. Wenn wir über Juden reden, reden wir über Gottes Geliebte. Allein das ist Grund genug, dass wir mit Respekt über sie reden. Es gibt noch einen weiteren Grund: unser Verschlungen-Sein ineinander. Paulus beschreibt es so: ›Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.‹ Ein komplizierter Gedankengang, weil die Sache selbst alles andere als einfach ist! Paulus erinnert die Christen aus den Völkern an ihre heidnische Herkunft. Jetzt habt ihr Barmherzigkeit erlangt, sagt er, aber nur weil die Juden das Evangelium mehrheitlich ablehnen. Wegen ihres ›Ungehorsams‹ nimmt das Evangelium den Umweg durch die ganze Völkerwelt. Umgekehrt führt Paulus den jüdischen Ungehorsam darauf zurück, dass gerade Menschen aus der Völkerwelt in großen Scharen Christen werden. So ist eine große Spaltung entstanden zwischen den Juden, die um jeden Preis ihrem Gottesbund treu bleiben wollen, und uns Christen, die wir allein durch unseren Glauben an Jesus Christus Zugang zu Gott haben. Das Gleichnis vom Verlorenen SohnDiese Verwicklung, oder dieses Geheimnis, wird vielleicht besser verständlich, wenn wir das Gleichnis Jesu vom „Verlorenen Sohn“ zu Hilfe nehmen. Da ist der jüngere Sohn (die Heiden), der sein kleineres Erbe verspielt und verprasst hat und zum Vater zurückkommt. Der Vater erbarmt sich über ihn und nimmt ihn liebevoll auf – das tut Gott durch Jesus – aber der ältere Sohn, dem ein größeres Erbteil zusteht, beneidet den jüngeren Sohn um dieses Erbarmen – die Juden lehnen Jesus als Christus, als Messias, ab. So gibt es eine Spaltung in der Familie. Das Gleichnis, das Jesus erzählt hat, hört hier auf. Diese Spaltung ist entstanden, sagt Paulus, damit auch die Juden Barmherzigkeit erlangen. Israels Rettung ist das Ziel dieses verschlungenen Prozesses. Auf das Gleichnis bezogen heißt das, wie auch immer der Streit zwischen Vater und älterem Sohn weitergeht, es wird die Zeit kommen, wo sich der Vater, wie zuerst über den jüngeren, so über den älteren Sohn erbarmen wird. Paulus erwartet sie auch ›jetzt‹. Er glaubt, dass die Erlösung unmittelbar bevor steht. Die Frage ist nicht, ob Paulus sich da in der Zeit geirrt hat, sondern ob wir Christen begreifen: die Juden stehen nicht fern vom Heil, sondern unmittelbar vor ihrer Erlösung. Judenmission durch Heidenchristen?In diesem Zusammenhang ist interessant, wovon Paulus nicht spricht. Er spricht nicht von einer Bekehrung der Juden zum Christentum. Er schreibt der Kirche keinerlei Funktion bei der Erlösung Israels zu. Zwar waren die Apostel, die selbst Juden waren, gesandt nach Jerusalem, ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. (Apg 1,8) Aber einen Aufruf an Heidenchristen, Juden zu missionieren, finden wir nirgendwo in der Bibel. Paulus schweigt sogar im ganzen Kapitel Römer 11 von Jesus Christus. Stattdessen spricht er mehr als ein Dutzend Mal von Gott. Und er mahnt die Christen kurz vor unserem Abschnitt eindringlich, sich nicht über die Juden zu überheben. Hier ist uns also Bescheidenheit angeraten.
Statt nur über Juden zu reden täte es uns gut, auch mit ihnen Kontakt zu haben. Das ist nicht einfach, obwohl es dazu mehrere Wege gibt.
Wenn wir Juden begegnen, erwarten sie von uns vor allem Respekt. Respekt vor ihnen als Menschen, Respekt vor ihrer ostjüdischen Herkunft, Respekt vor ihrem jüdischen Glauben, auch wenn sie selbst noch viel über ihren Glauben lernen müssen. Und wenn wir etwas für diese Menschen tun wollen, so mag uns Vorbild sein, was Paulus in Römer 15 schreibt: ›Christus ist ein Diener der Juden geworden . . ., die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen‹.
Weitere Informationen zum Thema vom Kloster Denkendorf
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