| Aktuell | Gemeinde | Pfarrer | Häuser | Diakonie | Mission | Themen |
Schaffen wir unser Heil selbst?Württembergische
Lektorenpredigt von Pfarrer Dr. Paul Murdoch,
Sachsenheim-Hohenhaslach, zum Reformationstag 2008, bearbeitet von
Eberhard Lange. Predigttext Philipper 2,
12.13: Liebe Gemeinde, dieser Text ist eine harte Nuss für mich als Ingenieur, der gern mathematisch-logisch denkt. Das ist doch paradox, wenn hier einerseits steht schaffet, und andererseits Gott wirkt. Und dieser Widerspruch wird noch kausal miteinander verknüpft: Schaffet, weil Gott wirkt, oder Schaffet, denn Gott wirkt. Nun, seien Sie gespannt, wie unsere Predigt diesen Widerspruch auflöst. Und dann ist zum Reformationsfest noch von Furcht und Zittern die Rede – das hören wir doch sonst gar nicht mehr. Martin Luther schreibt in einer Widmung: „was Christus sei und wofür man ihn halten soll: Nämlich nicht für einen Richter oder zornigen Herrn, sondern für einen lieblichen Heiland und tröstlichen Freund“ *. Auch heute reden und hören wir doch immer nur vom Gott der Liebe. Haben wir die Bibelstellen von seinem Zorn schon übersehen und die Predigten weichgespült im Geist unserer Zeit? Oder ist Gottes Liebe doch größer als sein Zorn? Seien Sie gespannt, wie sich das auflöst. Am heutigen Sonntag feiern wir - mit zwei Tagen Verspätung – das Reformationsfest. Aus Gründen der Sozialversicherungsbeiträge und der Produktion kann unsere Gesellschaft es sich seit etlichen Jahren in unserem Bundesland nicht mehr leisten, am Reformationstag direkt einen staatlichen Feiertag zu halten. Vor 491 Jahren, am 31. 10. 1517, dem Vorabend von Allerheiligen, hat Doktor Martin Luther, ein junger Professor an der theologischen Fakultät zu Wittenberg, seine 95 Thesen an der Türe der Schlosskirche angebracht, damit alle, die am nächsten Tage in die Kirche kommen sollten, seine Einladung zu einer Disputation vorfänden. Mit den Erkenntnissen, die er in den zurückliegenden vier Jahren seit seiner Romreise gewonnen hatte, musste er jetzt an die Öffentlichkeit! Martin Luther, Einzelkämpfer und Triebkraft der Reformation, hat in seinem eigenen Leben in einzigartiger Weise Gottes Wirken und sein eigenes Bemühen erlebt. Seine Erkenntnis sollte die Kirche reformieren – und hat doch eine neue Kirche hervorgebracht: dass wir gerettet werden aus Gnaden, allein durch den Glauben, aufgrund von dem Erlösungswerk Jesu Christi. So werden wir für gerecht geachtet vor Gott – auch wenn wir von uns aus keinen Anspruch darauf haben, gerecht gesprochen zu werden! Dass Menschen mit ihren Werken, ihrem Tun sich die Gerechtigkeit vor Gott verdienen möchten, hat er als »teuflische Versuchung« gesehen, die uns von der Erlösung aus Gnaden abhalten will. Mit Grauen hat er zurückgedacht an seine Jahre im Kloster und an die Zeit, in der er sich selbst gequält und gepeinigt hat. Er hielt all' seine eigene Anstrengung für Teufelswerk, das ihn von dem gnädigen Gott fernhalten wollte. Die Gnade Gottes allein rettet. Und doch blieb Luther aktiv und engagierte sich! Mit seinen 95 Thesen und mit seinem gesamten Lebenswerk stand er allein und griff die ganze damalige kirchliche Welt an. Er hat sich seine Überzeugung etwas kosten lassen – ja, er hat sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt, indem er entgegen dem Rat seiner Freunde nach Worms gereist ist, um ein Bekenntnis abzulegen. In unermüdlicher Weise setzte er sich für die Sache des Evangeliums ein:
Dass er als Erster in solch prägnanter Weise sich dessen bewusst geworden ist, dass sein Heil nicht von dem abhängt, was er selbst tut oder lässt, das hat sein Engagement als Christ keineswegs gemindert! Fälschlicherweise denken viele, die Luthers Anliegen nicht verstanden haben, dass nach lutherischer Denkweise es egal wäre, ob und was der Mensch tut oder lässt! Luther hat viel getan, viel gearbeitet für die Sache Jesu, aber er bildete sich nicht ein, dass sein Heil davon abhängig wäre. Denn: (1) Nicht was wir schaffen, sondern was Gott tut, zählt!Unser Predigttext erzählt von dem Widerspruch, den wir erleben in unserem eigenen Glaubensleben.
Die ganze Botschaft der Reformation und des Evangeliums überhaupt steht dieser Erfahrung entgegen. So heißt es in unserem Text: »Gott ist es, der beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, zu seinem Wohlgefallen!« Wie kann das sein? Wie kann ich es nicht merken, dass Gott es ist, der in mir den Glauben wirkt? Wie kann es mich so viel Mühe kosten, wenn Gott es wirkt und vollbringt? Vielleicht hilft uns ein Beispiel: Ein Vater, der seine eigene große Firma hat, versteht sich nicht so recht mit seinem soeben examinierten Sohn. Die beiden geraten immer wieder aneinander. Schon vor Studienbeginn war es klar, der Sohn kommt nicht in die Firma. Er will weg, raus aus dem Schatten seines Vaters. So studiert er eine ganz andere Fachrichtung. Der Vater ist nicht einverstanden, aber was soll er machen? Er kann seinen Sohn nicht zwingen! Während des Studiums kann sich der Junge behaupten: überall begegnet ihm Wohlwollen. Schließlich ist er der Sohn eines berühmten Industriellen. Auch nach dem Studium läuft alles glatt. Er hat Angebote von verschiedenen Firmen und meint, das alles wäre nur darauf zurückzuführen, dass er im Studium hart gearbeitet, sich angestrengt und es eben mit eigener Kraft geschafft hat, vom Vater loszukommen. Lange Jahre prahlt er vor allen, die es hören wollen, dass er seine Existenz selber aufgebaut und seinen berühmten, einflussreichen Vater nicht dazu gebraucht habe. Erst später im Leben erfuhr er, wie die Tatsache, dass sein Vater ein bedeutender Industrieller war, ihm Türen aufgetan hatte: Einer seiner ehemaligen Professoren konnte sich überhaupt nur deswegen an ihn erinnern, weil der Vater eine bedeutende Spende gemacht hatte für eines seiner Forschungsprojekte unter Hinweis darauf, dass der Sohnemann ja beim Herrn Professor studiere. Dann kam ein Wechsel in seinem Betrieb: der Direktor, der ihm immer wohlgesonnen gewesen war, ging in den Ruhestand. Auf einmal gab es Schwierigkeiten. Sein neuer Chef verlangte viel mehr von ihm als der alte. Er kam ins Schleudern, fühlte sich den neuen Aufgaben gar nicht gewachsen! Bei einer Auseinandersetzung mit seinem neuen Chef sagte dieser eines Tages zu ihm: »Über welche Beziehungen Sie in diesen Betrieb ’reingeschleust wurden, interessiert mich nicht – ab jetzt zählt nur noch Ihre Leistung! Wenn Sie die nicht liefern, müssen Sie gehen!« Es stellte sich heraus, dass sein Vater auch hier dahinter gesteckt hatte, als er die Stelle damals bekam. Der Sohn hat wohl studiert, wohl gearbeitet, aber sein Erfolg war ein Geschenk seines Vaters gewesen. Er hatte das Studium bezahlt, Türen geöffnet, Wege geglättet, die Arbeitsstelle beschafft. So ist es auch mit unserem Heil. Manchmal denken wir, wir würden wunder was leisten, uns furchtbar anstrengen, aber das Heil ist und bleibt ein Geschenk unseres himmlischen Vaters. Nicht was wir tun ist das Entscheidende, sondern was Gott wirkt zählt! (2) Gott bewirkt unser Heil, aber er tut es nicht ohne uns!Was bedeutet es denn, dass wir schaffen sollen, dass wir selig werden? Den Satz können wir nicht lesen ohne den folgenden: »denn er ist es, der in Euch beides wirkt, sowohl das Wollen als auch das Vollbringen«. Es geht gar nicht darum, dass wir es von uns aus schaffen, sondern dass Gott durch uns zu unserem Heil wirkt. Gott bewirkt unser Heil, aber er tut es nicht ohne uns! Er wirkt durch Menschen: er erwählt sie, beruft sie, befähigt sie und manchmal schier gar zwingt er sie, aber er wirkt nicht ohne sie, so als müssten sie nur funktionieren wie er wolle. Wir sind gefordert. Das Glaubensleben verlangt Einsatz, auch wenn unser Heil nicht von unserem Einsatz abhängig ist. Eine wichtige Beobachtung hilft hier weiter: Paulus benützt für unser »Tun« ein anderes Zeitwort als dann, wenn er vom Wirken Gottes redet. Das Wort »schaffet, dass ihr selig werdet« ist nur insofern richtig, als es eine ausführende Tätigkeit beschreibt. Die Ursache für dieses Tun liegt wo ganz anders, bei Gott allein. Gott ist die Ursache unserer Rettung.
Beide, Handwerker und Architekt, sagen von sich, dass sie das Haus erbauen. Wer baut es denn wirklich? Das ist eine Frage dessen, was man mit »bauen« aussagen will. Um was für eine Tätigkeit handelt es sich? Ganz ähnlich verhält es sich mit unserem Begriff »sein Heil schaffen«. Gott allein ist der Urheber des Heils und ermöglicht es für uns. Er ist Anfänger und Vollender. Er bewirkt Wollen und Vollbringen, aber jeder von uns ist in seinem eigenen Leben als Ausführender beteiligt. Aus dem Zusammenhang unserer beiden Verse lässt sich noch etwas anderes ablesen: In Philippi gab es Streit. Die einen wollten den anderen vorschreiben, was sie tun müssen, um das Heil zu erlangen. Da greift Paulus radikal ein: »schaffet mit Furcht und Zittern euer eigenes Heil!« So lautet die wörtliche Übersetzung. Das führt uns zu unserem 3. Punkt: (3) Furcht und Zittern
Den liebenden Vatergott können wir nur recht erleben auf dem Hintergrund seines Zorns. Wie beim Propheten Jesaja geht auch für Paulus dem Auftrag und dem fruchtbaren Wirken im Angesicht Gottes eine Selbsterkenntnis voraus, die ihn zerschmettert hat: »Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich. Denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen« (Jesaja 6, 5). Wenn Martin Luther die Erklärungen der zehn Gebote im Kleinen Katechismus mit »Wir sollen Gott fürchten und lieben« beginnt, dann will er zum Ausdruck bringen, dass Gottes Heilswirken uns nicht zu einer moralischen oder ethischen Laschheit verleiten will. Im Gegenteil: das Geheimnis von Gottes Gnade verstehen wir erst, wenn wir seinen Zorn wahrnehmen. Der sündige Mensch braucht einen Respekt vor dem heiligen Gott. Liebe Gemeinde! Haben Sie bemerkt, wie sich die Widersprüche aufgelöst haben zwischen
Gott ist heilig. Aber er ist so barmherzig, dass er uns trotzdem liebt. Das ist ein Rätsel, das viele Menschen nicht verstehen können oder wollen. Zum Schluss können wir noch eine weitere Spannung, zwar nicht auflösen, aber reduzieren, nämlich die zwischen „evangelisch“ und „katholisch“. Mit dem Anschlag der 95 Thesen hatte Martin Luther im Jahr 1517 zu einer Erneuerung, Reformation, der Kirche aufrufen wollen – und, ohne es zu wollen, eine neue Kirche erschaffen. 482 Jahre später, am 31. Oktober 1999, haben in der Augsburger Konkordie der Lutherische Weltbund und die Katholische Kirche gemeinsam folgenden Satz unterschrieben: „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.“ Also: dass wir das Heil haben ist Gottes Werk. Sein Werk will aber bewirken, dass wir unsererseits ihm gehorchen! Amen Anmerkung: *) Aus dem „Neukirchener Kalender“, 31.10.2008, Rückseite
|